Alles was wir teilen…

Liebe Jugendliche,
liebe Familien,
liebe Eltern, liebe Großeltern, liebe angeheiratete und eingemeindete Familien,
liebes Team des Vereins Jugendweihe e.V., welches dieses excellence Event wieder wunderbar organisiert hat – vielen Dank. !

Mein Name ist Julia Witt, als Bezirksstadträtin hier in Marzahn-Hellersdorf bin ich immer wieder beeindruckt, wie toll sich alle heute für diesen besonderen Tag vorbereitet haben, die Frisur sitzt, die Taschentücher liegen bereit, Oma und Opa sind froh.

Der heutige Tag ist ein ganz besonderer Tag.
Um auf die eben vorgetragene Geschichte Bezug zu nehmen:
Man kann oft nach Paris, aber nicht wieder in die Kindheit reisen.

Der Abschied von der Kindheit ist einmalig, unwiederholbar, endgültig.
Ein wichtiges deutsches Wort – endgültig. Das besagt, dass das Ende gültig ist.

Es ist der Tag, wo sich viele der heute hier bei Euch seienden Eltern erinnern,
an das erste Treffen mit Eurer Mama, Eurem Papa, Eure Geburt, schwer oder leicht – auch wenn die einen oder anderen vielleicht längst getrennte Wege gehen und sicher auch einige Patchwork Familien heute bei Euch sind, die Euch begleiten.

Man hat im Leben nicht viele Tage, die so einmalig, so unwiederholbar sind.
Es ist auch Eure Geschichte und wird es jeden Tag mehr.

Sicher werdet Ihr den Tag wahrscheinlich sofort festhalten auf
Instagramm, Snapchat, Facebook und die Bilder teilen.

Ihr lebt in einer Zeit der Bilder, der Hochglanzfotos, der Werbevideos, der Debatte um echte und falsche Bilder, der schnellen und der unter Druck setzenden, andere sogar erpressenden Bilder, der professionellen Bilder und Videos, neben denen unser Alltag oft als blass, entwertet wirkt.

Unsere Großeltern haben sich für ein Foto zum einzigen Fotografen im Ort begeben, Stil, Bekleidung und Frisur waren gut gewählt, es gab einen großen Blitz, dann ein Foto in Schwarz weiss und einen Rahmen, der heute bei Euren Eltern auf dem Schreibtisch steht und Anlass zur Erinnerung ist.

Heute ist das Selfie, das Foto von Euch mit der Familie selbstverständlich.
Sich selbst zu fotografieren erscheint Euren Grosseltern und Eltern manchmal seltsam.
Es hat etwas naszisstisches, ein andauerndes Spiegelbild, als ob man sich selbst der eigenen Person, der eigenen Identität versichert.

Schneewittchens Mutter fällt uns da ein:
“Bin ich nicht schön ? Bin ich schön ? Sind andere schöner ?”
Auf die Frage, wovor sie am meisten Angst haben, antworteten Jugendliche neulich: “dass das Spartphone verloren geht, die Fotos weg sind…unsere Erinnerung!”

Ihr selbst beurteilt die Fotos von Euch wahrscheinlich sehr schnell
– einmal wischen und ab in den Papierkorb. “Das bin ich nicht.”

Aber wer seid Ihr ?

Dabei sind wir bei den aktuellen Fragen,
die Euch – und fast alle Philosophen seit Jahrhunderten beschäftigen:
Bin ich wirklich die, als die ich mich selbst sehe ?
Wer bin ich für die anderen ?
Will ich überhaupt, dass die anderen mich erkennen ?
Kann ich ein Bild von mir finden, generieren, stylen, so dass die anderen mich verstehen und mögen ?
Mag mich überhaupt jemand wirklich, wie ich bin ?

Mag ich mich.

Die Selbsterkenntnis, Selbstdefinition und das Wissen um das, was in einem steckt als Potenzial und Fähigkeiten, ist eine der größten Stärken, die Ihr habt.
Sie unterscheidet uns vom stärksten Löwen, vom fliegenden Adler.
Wie haben die Chance, wir haben das Vermögen, etwas über uns zu erfahren,
zu wissen und daraus etwas zu machen !

Heute ist euer Jugendweihetag !
Und so wie Eure Eltern sich wahrscheinlich die Augen reiben, wie die Zeit verrinnt
( waren wir nicht eben noch auf dem Weg ins Krankenhaus ?
War er nicht eben noch beim ersten Zahn, die Schültüte gekauft, das Faschingskostüm mit den Katzenohren ? Die erste gute Note ? )

Auch für Euch ist heute nochmal ein guter Tag, zurückzublicken.
Was fällt Euch spontan ein ?
Was hat Euch in Eurer Kindheit geprägt ?
Was war das Schönste – was Euch heute Kraft gibt, und worauf Ihr immer wieder zurück greifen könnt ?

Was war das Bitterste, die erste Enttäuschung, der Verlust – der Euch – wenn Ihr es zulasst – sofort zu Tränen rühren würde ?

Die ersten bitteren Verletzungen sind es, die uns für das ganze Leben prägen.

Der Bruder, der den Lieblingsbären uns weg nimmt, der Vater, der den Film verbietet. Diese ersten Prägungen sind heute noch in Euch.
Heute ist aber auch der erste Tag, an dem Ihr Euch ein Stück davon entfernen werdet.
Die Kindheit, das Gefühl der Abhängigkeit, sind vorbei.

Ihr könnt diese Traurigkeiten und Kränkungen in ein Kästchen packen
und versuchen, ohne sie zu leben.

Ihr könnt Euch selbst das erste Mal in Euch hinein hören, was Ihr wollt .

Was ich Euch wünsche ist, dass Ihr den Tag auch nutzt, um den Kompass für die nächsten Schritte zu justieren.
Nutzt den Tag, um Eure Eltern und Großeltern noch vor dem 3. Wein zu fragen, was deren eigener Lebensplan war, wo sie abgewichen sind und was sie Euch raten.

Ich frage oft. Ich selbst habe als Sozialstadträtin oft das Glück,
bei über 100 Jähringen Bürgerinnen und Bürgern zu sein.
Erst vorletzte Woche war ich bei einer 100 jährigem Dame in Mahlsdorf.
Die Nachbarn hatten ihr diese großen aufblasbaren silbernen
Zahlen 100 vor das Haus gesetzt.

Ich frage dann immer, was das Schönste war, woran sie sich erinnert.

Ohne lange nachzudenken antwortete die kleine, fast zerbrechlich wirkende Frau:
Die Flucht aus Ostpreussen und das Schlafen im Heu am Ende des 2. Weltkrieges.

Ich versuchte mich zu vergewissern, dass ich richtig verstanden hatte:

Die Flucht mit 2 Kindern, die Übernachtung im Stroh, Krieg – meinte sie dies ?
Ja !

War und ist es am Ende eines Lebens tatsächlich so, das gerade die Schwierigkeiten, die Not, das Finden von Lösungen und die Bewältigung der Aufgaben uns verbinden und unvergesslich sind ?

Warum haben dann die meisten Angst vor einer großen Aufgabe – während man gerade dann über sich hinaus wächst, etwas über sich erfährt ?

Drei Dinge möchte ich Euch heute mitgeben;

1. Denkt daran,
was am Ende Eures Lebens wichtig ist, was und wen ich bei Euch haben möchtet – und fangt schon jetzt damit an.

Natürlich wollen uns die Medien gern suggerieren, dass wir 14 Paar Turnschuhe und 3
Mobile Endgeräte brauchen, dass Männer dicke Uhren und Frauen chice Kleider brauchen.

( Natürlich IST heute auch so ein Tag der chicen Kleider )

Dennoch solltet Ihr wissen, was EUCH wichtig ist und dies immer wieder hinterfragen.
Wenn ich jetzt weg müsste – was würde ich dann mitnehmen, was davon brauche ich wirklich und was davon bin ich ?

2. Denkt daran,
dass die Menschen, die Ihr trefft, Euch und Eure Erfahrungen ausmachen.
Pflegt die Freundschaften im analogem wie im digitalen Leben, es gibt keinen Grund wie alle zu sein – aber auch keinen, alleine zu sein.
Wenn Ihr nicht fragt, erfährt Ihr nichts.
Wenn Ihr nicht auf Menschen zugeht – lernt Ihr vielleicht die fasziniertesten Typen nicht kennen ! Es gibt nur diesen einen Film, der Euer Leben ist, es ist Eure Hauptrolle ! Bleibt nicht hinter – oder vor – der Bühne sitzen, lasst nicht andere der Regisseur Eures Lebens sein.

3. Denkt daran,
dass Ihr letztlich selbst, und nur Ihr selbst verantwortlich seid.
Im guten wie im schlechten.

Ihr
werdet die Entschiedung treffen wo Ihr lernen werdet,
was Ihr studieren werdet,
wo Ihr leben werdet. Glauben – Kinder -Partnerschaft
das sind immer auch ganz individuelle Momente, in denen Ihr allein sein werdet.
Versteckt Euch nicht hinter anderen – auch wenn der Rat der Freunde immer wichtig sein wird.
Der wichtigste Kompass für Euch und Eure Entscheidungen ist immer bei Euch, er ist hier ganz innen drinnen, hört auf Euer Gefühl im Bauch und im Herz.

Nehmt Euch Zeit, damit Ihr sie – und nicht sie Euch besitzt.

Ich wünsche Euch, dass Ihr gerade heute bei Eurer sicher unvergesslichen Feier
das Spartphone zu Seite legen könnt und den Moment und den Tag genießen.

Nehmt Euch die Zeit mit Euren Eltern und sagt ihnen, wie lieb Ihr sie habt.

Das ist viel – aber mehr geht nicht in diesem Leben.

Und wenn Ihr später an dieser Stelle als Eltern sitzen werdet,
EURE Kinder hier sitzen,
dann würde ich mich freuen, wenn Ihr Euch an meine Worte erinnert !

Vielen Dank !

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